Dieter Brusberg
Hans Bellmer "Die Spiele der Puppe"
Ausstellung vom 23. April bis 28. Mai 2005

Anfang 1962 besuchte ich Hans Bellmer zum ersten Mal. Er, der bei den Liebhabern und Sammlern des Surrealismus schon längst einen
großen Namen hatte, wohnte und arbeitete mit seiner Frau Unica Zürn dennoch unter erbärmlichen Verhältnissen: in einer winzigen, fast lichtlosen Wohnung in der Pariser Rue Mouffetard.

Bellmer hatte soeben die Arbeit an einem seiner druckgrafischen Hauptwerke abgeschlossen: die 10 Kupferstiche "à Sade". Inhaltlich für die damaligen Verhältnisse schockierend, formal von großer Kraft und Kühnheit. Die in klassischer Manier schwarz auf hellem Bütten gedruckte Suite der Normalausgabe kaufte ich sofort. Dann legte mir Hans Bellmer die "Edition de luxe" vor. Nach der nahezu klinischen Kälte und erbarmungslosen Schamlosigkeit der einfarbigen Drucke nunmehr Verzauberung durch Farbe – jeweils zwei Platten in wechselnden Farben übereinander gedruckt. Die Metamorphose aggressiver Sexualität ins Poetische, wunder-same Verknüpfung von Trieb und Traum, von Gewalt und Schönheit. Nun ja, – das Geheimnis der Kunst ...

Mit beiden Mappen und einigen Zeichnungen fuhr ich wieder nach Hause, hatte an der Grenze Schwierigkeiten, den Zöllnern zu erklären, daß es sich um Kunst und nicht um Pornografie handele. Fand Bestätigung durch Erhart Kästner, der beide Suiten für die schon damals legendäre Sammlung von Malerbüchern der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel erwarb.
So fing es an. Von Hannover aus.

In Berlin hatte Rudolf Springer schon 1953 die erste deutsche Ausstellung des in den dreißiger Jahren nach Paris emigrierten Schlesiers gezeigt.
Aber hier wie dort blieb er der von düsteren Geheimnissen umwitterte Außenseiter. Ein Geheimtip für Kenner. Weltweite Anerkennung fand Bellmer erst nach seiner Ausstellung bei Daniel Cordier in Paris: 1963.
Vier Jahre später organisierte Wieland Schmied für die hannoversche Kestner-Gesellschaft eine Retrospektive der Zeichnungen und Bilder.
Parallel zeigte ich Bellmers Bücher und Druckgrafik, zusammen mit Zeichnungen von Unica Zürn. Neun Jahre später folgte, nach seinem
Tod im Jahr 1975, eine fast museumsreife, retrospektiv angelegte "Hommage an Hans Bellmer".

In unserem Angebot und in zahlreichen Themenausstellungen hat die Arbeit von Hans Bellmer seit je eine wichtige Rolle gespielt. Nun zeigen wir zum dritten Mal eine Einzelausstellung: mit einer quantitativ knapp gefaßten aber konzentrierten Auswahl, die einen Zeitraum von Ende der 20er bis Mitte der 60er Jahre umfaßt. In den Mittelpunkt haben wir diesmal jene 25 Fotografien gerückt, die zwischen 1934 und 1937 entstanden und sich auf obsessive Weise mit seiner "Puppe" – gleichermaßen Kunstfigur wie Fetisch – auseinandersetzen. Daß auch die Kupferstiche "à Sade" einen wichtigen Platz in dieser Ausstellung einnehmen, versteht sich von selbst. Glückliche Fügung dann aber, daß wir 12 ungemein intensive Werkzeichnungen zu dieser Suite zeigen können. Da hat sich nicht nur für mich ein Kreis geschlossen, da wird auch jedem Besucher ein ebenso aufregender wie aufschlußreicher Einblick in die Werkstatt des Künstlers möglich.